Beim Planen von Zielen das gesamte System einbeziehen
11. Juni 2009 | Von Siegfried Ferlin | Kategorie: Erfahrungen mit KlientenIn einem meiner Beiträge kann man die Geschichten von Peter und Georg lesen. Beide hatten das gleiche Schicksal, von heute auf morgen arbeitslos zu sein. Doch wie die beiden mit ihrem Problem umgingen, könnte verschiedener nicht sein. Der eine nahm sein Schicksal als gegeben hin, der andere krempelte die Ärmel hoch und machte sich daran, seine Zukunft neu zu planen.
Als ich Georg kennen lernte, hatte er bereits eine grobe Vorstellung von dem, was er in Zukunft machen wollte. Er war begeisterter Modellbauer, Mitglied in mehreren Modellbauvereinen und hatte sich vorgenommen, sein Hobby zum Beruf zu machen. Er war voller guter Ideen und in seiner Euphorie kaum zu bremsen.
In der Regel beginnen meine Coachings damit, meinen Klienten dabei zu helfen eine Zukunftsvision zu entwickeln. Das war bei Georg nicht notwendig. Im Gegenteil, ich musste ihm dabei helfen, seine Gedanken zu ordnen, Struktur in sein Vorhaben zu bringen. Wir steckten gemeinsam überschaubare und erreichbare Zwischenziele, sorgten für die nötigen Ressourcen und was noch viel wichtiger war, wir schauten uns an, welchen Einfluss sein Vorhaben auf sein zukünftiges Leben und auf sein Umfeld haben würde.
Diesen Punkt möchte ich ganz besonders betonen. Es ist von größter Bedeutung, bei Veränderungen, das gesamte Umfeld (Familie, Freundeskreis, Arbeitsplatz, wirtschaftliche Situation, Gesundheit usw.) in seine Überlegungen mit einzubeziehen. Jeder von uns ist ein Teil von verschiedenen Systemen und jede auch noch so kleine Veränderung eines Teiles des Systems, bewirkt eine Veränderung des gesamten Systems. Daraus können, für das angestrebte Ziel, ernstzunehmende Probleme entstehen, wenn man es nicht früh genug in der Planung berücksichtigt.
Ein Beispiel aus meiner Praxis: Michael war ein Vorzugsschüler. Seine Mutter unterstützte ihn beim Lernen und sorgte dafür, dass er seine Hausaufgaben sorgfälltig machte. Alles lief bestens. Dann erkrankte Michaels Großvater schwer und wurde zu einem Pflegefall. Da seine Frau, Michaels Oma, vor zwei Jahren verstorben war, musste sich Michaels Mutter von nun an um ihren Vater kümmern. Das bewirkte wiederum, dass Michael oft alleine lernen musste, was zur Folge hatte, dass Michaels Noten schlechter wurden und er sogar eine Klasse wiederholen musste. Da die Erfolge ausblieben, sank seine Motivation und er fing an, an sich zu zweifeln. In diesem Zustand lernte ich Michael kennen. Gerade noch rechtzeitig, um gegenzusteuern.
Wir arbeiteten an Michaels emotionalem Zustand, ich brachte ihm einige Lernstrategien bei und mit jedem Erfolg bei Tests und Schularbeiten wuchs seine Motivation wieder. Heute ist er wieder ein Vorzugsschüler und schmiedet schon fleißig Zukunftspläne.
An diesem Beispiel kann man sehr gut erkennen, wie die Veränderung eines Teiles des Systems (Krankheit des Großvaters), Auswirkungen auf das gesamte System hat.
Um es noch plastischer zu machen: Denken Sie an ein Mobile. Alle Teile sind miteinander verbunden und im Gleichgewicht. Verändert man bei einem Teil etwas, bringt das Teil zum Beispiel zum Schwingen, ist das Gleichgewicht des gesamten Mobiles betroffen.
Georg, zum Beispiel, war so überzeugt von seiner Idee, dass er annahm, seine Frau würde ohne wenn und aber mitmachen. Und so reagierte er auf die Frage, wie seine Frau und sein Sohn reagieren würden, wenn er sein Ziel erreicht hätte, belustigt. “Na, die freuen sich mit mir!”, war seine Antwort. Erst als ich ihn bat, darüber nachzudenken, wie seine Familie damit umgehen wird, wenn er kaum Zeit für sie haben würde, da er sich als Selbstständiger um sein Geschäft kümmern müsste, begriff er, wie wichtig diese Frage war. Er sprach daraufhin mit seiner Familie. Diese sagten ihm, unter der Bedingung, dass die Sonntage der Familie gehören, ihre volle Unterstützung zu. Auf diese Weise war das Gleichgewicht des Systems garantiert und so wurde aus einem Unsicherheitsfaktor eine echte Ressource.
Auf die selbe Weise gingen wir Schritt für Schritt alle Bereiche seines Lebens durch. Außer bei der Gesundheit sah er keine nennenswerten Probleme. Er nahm sich vor etwas für seine Gesundheit zu tun und plante zweimal wöchentlich Sport in seinen Alltag ein.
Wir arbeiteten über sechs Monate gemeinsam an Georgs Ziel. Schritt für Schritt, Zwischenziel um Zwischenziel, Meilenstein um Meilenstein. Manchmal waren kleine Kurskorrekturen notwendig, aber durch das ständige Controlling und die Zielstrebigkeit von Georg, ging es immer Richtung Ziel.
Heute hat Georg seinen kleinen Laden für Modellbau und Zubehör. Er hat die Krise als Signal und Anlass genommen in seinem Leben etwas zu verändern. Er reagierte genau so, wie man reagieren sollte. Um uns herum findet andauernd und in atemberaubender Geschwindigkeit Veränderung statt. Wer sich diesen nicht anpasst und sich nicht verändert, bleibt unweigerlich auf der Strecke.