Was kann man gegen “Schandmäuler” tun?
11. Juni 2009 | Von Siegfried Ferlin | Kategorie: Ins Stammbuch geschrieben“Was kann ich tun, damit bestimmte Leute aufhören, schlecht über mich zu reden?” Diese Frage höre ich öfters in meinen Coachings. Meine Antwort darauf: “Nichts!”
Die meisten Klienten sind sehr erstaunt über diese Antwort und manche sehr enttäuscht. Warum kann man nichts dagegen machen? Dafür gibt es mehrere Gründe.
Der erste und wichtigste Grund ist: Man kann das Verhalten anderer Personen nicht ändern. Das liegt nicht im eigenen Einflussbereich. Was man jedoch verändern kann, ist das eigene Verhalten. Zum Beispiel kann man versuchen die Beweg- und Hintergründe der Person zu verstehen, die über andere Menschen schlecht redet. Das erleichtert den Umgang mit dem Problem enorm.
Was sollte man verstehen, um mit dem Problem besser umgehen zu können?
Hinter jedem Verhalten steht eine positive Absicht. Wer das versteht, ist in der Lage, das Verhalten eines Menschen von dessen Absicht zu trennen, was zu mehr Verständnis führt und einen in die Lage versetzt, sein Gegenüber nicht auf der Basis seines Verhaltens zu ver- oder beurteilen, sondern sie oder ihn als Menschen mit dem Bedürfnis nach Liebe, Glück, Harmonie, Zufriedenheit usw. zu sehen.
Einige Beispiele:
- Der- oder diejenige redet schlecht über eine andere Person, um dieser zu schaden.
In der Regel ist dies der Fall, wenn jemand um seine “Vormachtstellung” im System fürchten muss. Stehen keine anderen Ressourcen zur Verfügung, müssen die scheinbaren Rivalen schlecht gemacht werden. Ist dies der Fall, kann man sich im Grunde darüber freuen, da man als zumindest ebenbürtig angesehen wird.
- Der- oder diejenige redet schlecht über eine andere Person, um von eigenen Defiziten abzulenken.
Dieser Fall tritt meist dann ein, wenn die betreffende Person in irgend einem Lebensbereich unzufrieden oder unglücklich, und die Person, über welche schlecht geredet wird, in diesem Bereich gut aufgestellt ist.
Ein Beispiel zum besseren Verständnis:
A (die Person, welche schlecht über andere redet) ist beruflich sehr erfolgreich und in seinem/ihrem Umfeld angesehen und respektiert. In einem Bereich jedoch, nehmen wir an, es handelt sich um das Privatleben (Partnerschaft) funktioniert es, aus welchem Grund auch immer, nicht den Wünschen entsprechend. Es liegt nahe, dass A Zufriedenheit und Glück, in diesem Fall, über den beruflichen Erfolg definiert und diese Definition von Zufriedenheit und Glück auch auf andere (B) überträgt. Bewusst oder unbewusst aber weiß oder ahnt A, dass es diesen Mangel gibt.
Ist B (die Person, über die schlecht geredet wird) nun gerade in diesem Lebensbereich reichlich ausgestattet, wird von A die eigene Messlatte angelegt, der scheinbare Rivale also über den beruflichen Erfolg beurteilt. Ist B beruflich weniger erfolgreich, kann sich auf diese Weise A wiederum über ihn/sie erheben. Mein Tipp an alle B’s: Gönnt allen A’s dieser Welt dieses Vergnügen und habt Mitgefühl für deren Situation. Ihr begeht eine gute Tat damit.
- Der- oder diejenige redet schlecht über eine andere Person, um sich (scheinbar) über diese Person zu stellen. Dies gelingt nur bedingt, da es vom Umfeld sehr bald durchschaut wird.
Auch wenn es A scheinbar gelingt, sich über B zu stellen, so ist das Vergnügen oft nur von kurzer Dauer. Meist unbemerkt von A durchschaut das Umfeld die Situation recht bald. Nun wird A, ohne es zu merken selbst zum “Opfer”, denn jetzt wird über A geredet. Da sich aber A ausschließlich mit treu ergebenen “Untertanen” oder Menschen, die das Spiel (noch) nicht durchschaut haben, umgibt, erkennt sie/er meist nicht, dass sie/er sich in einem Prozess der schleichenden Isolation befindet. Wird es doch erkannt, greift A auf eine Strategie zurück, die sie/er meisterhaft beherrscht. Scheinbar hilfsbedürftige Menschen werden, ob sie es wollen oder nicht, unterstützt, um danach Dankbarkeit, in Form von Anerkennung, Respekt und oftmals Zuneigung, zu erhalten. Diese erkaufte Dankbarkeit genügt, um die Illusion von Überlegenheit, zumindest für eine gewisse Zeit, aufrecht zu erhalten.
- Der- oder diejenige redet schlecht über eine andere Person, weil er/sie nicht wahrhaben oder zugeben will, vielleicht unrecht zu haben.
Nun, dazu braucht man nicht viel zu sagen. Jeder kennt Menschen, die immer und überall recht haben wollen oder müssen. Die Gründe dafür sind vielfältig, meist ist es jedoch einer der oben bereits genannten.
- Es kann aber auch sein, dass der- oder diejenige nur deshalb schlecht über andere spricht, weil er/sie es nicht besser weiß oder einige Informationen fehlen.
Das wäre der Idealfall. Meist hört das Gerede nach einem klärenden Gespräch oder Informationsaustausch auf.
- Außerdem hört man noch gerne das Argument: “Das war früher schon so, der/die kann sich nicht ändern!”
Zu diesem “Argument” wird gegriffen, wenn alle anderen Strategien versagen.
Die Aufzählung der Beispiele ist natürlich unvollständig. Es gibt wahrscheinlich soviele Gründe, wie es A’s gibt.
Gegen diese Gründe kommt man mit Argumenten meist nicht an. Hinter diesem Verhalten steht ein elementares Bedürfnis (Liebe, Anerkennung, Zugehörigkeit, Ansehen, Respekt usw.). Ist diesbezüglich ein Defizit vorhanden, muss das entstandene Vakuum gefüllt werden. Würden die “Schandmäuler”, wie sie oftmals genannt werden (was ich bei manchen verstehen kann, obwohl ich selbst sie so nicht bezeichnen würde), der Möglichkeit beraubt werden, dieses elementare Bedürfnis zu befriedigen, müssten sie sich mit sich selbst, und somit mit ihren eigenen Fehlern, Defiziten und Schwächen auseinandersetzen, was in einer Katastrophe enden kann. Der Grund dafür liegt meist weit zurück, in der Kindheit. Oft haben diese Personen sehr dominante Eltern oder Elternteile, die Fehler und Schwächen verurteilt oder bestraft haben. Kein Wunder also, wenn Fehler und Schwächen negativ belegt sind, und sich manche Menschen so sehr dagegen wehren, solche zuzugeben. Sie wehren sich mit aller Kraft und jedes, noch so unfaire Mittel, ist ihnen dabei recht.
Sich dem entgegen zu stellen, würde bedeuten, in die Rüstung des Don Quixote zu schlüpfen und gegen Windmühlen anzukämpfen. Das kostet wertvolle Energie, die man besser in die Verwirklichung seiner Ziele investieren sollte.
Was aber könnten die “Schandmäuler” (welche ich persönlich nie so nenne, da ich größtes Verständnis und Mitgefühl für sie hege) tun, um aus ihrer Misere herauszukommen?
Immer vorausgesetzt sie wollen es, wäre es vielleicht eine gute Idee, sich mit den eigenen Problemen auseinanderzusetzen (es muss ja niemand etwas davon erfahren). Meist liegt die Ursache für ein unerwünschtes Verhalten in der Vergangenheit. Loyalität zu einer geliebten Person aus der Abstammungsfamilie, erlerntes Verhalten von Vorfahren oder Bezugspersonen in der Kindheit, der Verlust einer geliebten Person (welche das elementare Bedürfnis befriedigte), sind nur einige Ansatzpunkte.
Eine gescheite Frau, die ich über alles schätze, hat einmal zu mir gesagt:
“Vielleicht hast du ja nur noch nicht daran gedacht, dass die Energie, die du zur Aufrechterhaltung des jetzigen Zustandes brauchst, ausreichen würde, um all deine Probleme, gegen die du dich so sehr zur Wehr setzt, zu lösen.” Wie viel Weisheit steckt in diesem Satz!
Aber bitte, liebe “Schandmäuler”, macht es nicht alleine oder selbst. Die Wahrheit tut meist sehr weh, ich habe es am eigenen Leib erfahren dürfen. Zieht einen guten Therapeuten hinzu, der euch auffängt, wenn es euch den Boden unter den Füßen wegzieht und der in der Lage ist, euch wieder auf festem Boden aufzusetzen. Ein heißer Tipp: systemische Orientierung, Familienaufstellung. Und wenn, dann geht zur besten http://www.brigitte-gross.com/seminare.htm
Und mein heißer Tipp an die “Opfer” (die nur solange Opfer sind, solange sie sich als solche sehen): Tut das, was für euch gut ist und euch euren Zielen näher bringt. Was die “Schandmäuler” angeht, tut nichts, bis ihnen von selbst die Luft ausgeht oder sie ein anderes “Opfer” gefunden haben. Ihr habt keine Chance, …
… denn das Verhalten anderer kann und soll man nicht ändern.
Ich möchte darauf hinweisen, dass die Beispiele, welche ich genannt habe, als solche frei erfunden sind. Jede Ähnlichkeit mit wahren Begebenheiten ist rein zufällig. Sollte sich jedoch der oder die eine oder andere darin erkennen, wäre dies eine gute Möglichkeit aktiv zu werden und seine Probleme zu lösen.